Idee und Forschungsdesign

    Auseinandersetzungen um die territoriale Verlagerung von Kulturgütern in Kriegs- und Friedenszeiten sind ein wesentlicher Bestandteil kulturgeschichtlicher Narrationen und hochaktuell. Die Folgen derartiger Translokationen gehören zu den großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts: Kaum ein Tag vergeht, ohne dass Juristen, Museumsleute, Politiker, Ethnologen und Archäologen, Kunsthändler, politische Aktivisten und Journalisten, Künstler und Schriftsteller um „gerechte“ kulturpolitische Entscheidungen etwa in Restitutionsstreitigkeiten ringen. Meist wird gefragt: Wem gehören die Objekte? Wer hat ein Recht auf ihre Deutung? Welchen Wert hat Provenienzforschung dabei?

    Heute werden nicht nur die mit physischer Gewalt erzwungenen Verlagerungen der Vergangenheit als problematisch angesehen. Zunehmend geraten auch solche Formen von Translokationen in die Kritik, die aus wissenschaftlichen oder ästhetischen Bedürfnissen heraus erfolgten und durch asymmetrische Machtverhältnisse (ökonomischer, politischer oder epistemischer Natur) begünstigt wurden. Translokationen an sich –  das Phänomen des Abtransports selbst, mit all den damit verbundenen Traumata, Diskursen, Akteuren, Gesten, Techniken und Repräsentationen sind ein bisher kaum wahrgenommenes, geschweige denn erschlossenes Feld. 

    translocations – Historical Enquiries into the Displacement of Cultural Assets möchte wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse über die sozialen, politischen und kulturellen Implikationen von Kulturgutverlagerungen der Vergangenheit als Orientierungshilfe für die Zukunft liefern. Historische Forschung begreift der Forschungscluster als Gestaltungswerkzeug für gesellschaftliche Verständigungsprozesse und die Entwicklung von Handlungsoptionen. translocations wird keine Besitzstreitigkeiten klären. Der Cluster setzt vielmehr auf der wissenschaftlichen Ebene der Geschichts-, Sozial- und Bildwissenschaften an: Was lösten die Verlagerungen quer durch Zeiten und Länder genau aus, wie wurden sie wahrgenommen, erinnert, instrumentalisiert? Der Forschungsgegenstand von translocations sind großangelegte Kulturgutverlagerungen seit der Antike: staatlich organisierter Kunstraub und Beutekunst in Kriegs- und Okkupationszeiten; Entzug von Kulturgütern im Kolonialismus; Verlagerung in Folge von Fundteilungen und wissenschaftlichen Expeditionen; durch den Kunsthandel forcierte Diaspora ganzer materieller Kulturen; ideologisch begründete Beschlagnahmungen; Verstaatlichungen oder massive Veräußerungen privaten Eigentums. 


    translocations wird notwendige Grundlagenforschung leisten.
    Das Forschungsinteresse von translocations setzt an zwei Stellen an. Einerseits dort, wo das in Bewegung gesetzte Kulturgut zum Bestand öffentlicher Museen und Bibliotheken wird, und die Inkorporation des zunächst Fremden im Narrativ des Eigenen zu vielfältigen, gene- rationsübergreifenden, tiefgreifenden kulturellen, intellektuellen und ästhetischen Befruchtungen führt. Andererseits dort, wo sich Gefühle von Unrecht, Enteignung und Verlust in Gesellschaften oder Interessengruppen manifestieren; wo Fragen von Besitz, Identität und Stolz an die materielle Verbringung von Objekten und ihre Einfügung in neue Zusammenhänge geknüpft werden. translocations nähert sich dem Phänomen unabhängig von der Legalität oder Illegalität der jeweiligen Vorkommnisse. Der Cluster  befasst sich mit komplexen Zeitlichkeiten, unheimlichen Nachträglichkeiten und unterschiedlich verlaufenden Erinnerungsprozessen. Leitfrage ist dabei die – nicht immer fordernde und nicht immer trauernde – Perspektive derjenigen, die sich als »Enteignete« empfinden, quer durch Zeiten und Regionen. 

    Das internationale Team von translocations ist institutionell im Fachgebiet Kunstgeschichte der Moderne an der Technischen Universität Berlin beheimatet. Hier wird es unter der Leitung von Prof. Dr. Bénédicte Savoy für zunächst drei Jahre bis September 2020 arbeiten. Der Cluster wird vornehmlich durch das Preisgeld des Gottfried Wilhelm Leibniz-Preises der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert, den Bénédicte Savoy 2016 zugesprochen bekam. 

    Weitere Informationen:

    Projektskizze translocations

    La mémoire restituée des œuvres volées. Entretien avec Bénédicte Savoy, 26 juin 2015

    The Recovered Memory of Stolen Works of Art. An interview with Bénédicte Savoy, 22 February 2016

    Die Forschungssäulen

    In translocations werden vier Basisprojekte gemeinsam von der Forschungsgruppe bearbeitet: ein digitaler Atlas, eine Textsammlung, ein Glossar und ein Bildrepertorium zur Ikonographie der Bewegung von Kulturgut. 

    Mit dem web-basierten Kartenwerk werden die historischen Vorgänge geordnet und durch Visualisierung zusammengeführt. 

    Die Textsammlung vereinigt berühmte und neu entdeckte Texte von Cicero über Quatremère de Quincy bis zu Victor Hugo, Carl Einstein und Kwame Anthony Appiah. 

    Im Glossar werden Begrifflichkeiten aus unterschiedlichen Sprachkontexten historisch-kritisch untersucht und auf ihre ideologischen und theoretischen Implikationen hin überprüft. 

    Die Sammlung von Bildquellen macht den vierten Kernbestandteil des Projektmaterials aus: Wie wurden seit der Antike Translokationen – Wegnahmen, Zerstörungen, Abtransporte, Eroberungen, Restitutionen von Kunstwerken und Kulturgütern – inszeniert und dargestellt? Wie sehen die Orte aus, an denen sie sich nicht mehr befinden? Das Augenmerk liegt besonders auf politischer Ikonographie und medialen Mitteln wie Dokumentar- und Propagandafilm bzw. -fotografie bis hin zu Amateurvideos aus dem Internet. 

    Nach und nach werden an dieser Stelle erste Ergebnisse der Forschungen in translocations sichtbar gemacht. 

    Die Einzelstudien

    translocations wird einem internationalen Team aus Doktorand*innen und Postdoktorand*innen ebenso Raum geben Einzelstudien zu erarbeiten. Die Mikrohistorien werden mittels ihrer Detailtiefe dabei helfen das Verständnis der trans- und globalhistorischen Implikationen von Kulturgutverlagerungen zu schärfen.

    Verflechtungen

    Der Forschungscluster translocations ist eine Verdichtung und Ergänzung des in den letzten 15 Jahren aufgebauten Forschungsprofils des Fachgebietes Kunstgeschichte der Moderne an der Technischen Universität Berlin. Auch mit der Ausrichtung des Lehrstuhls für die Kulturgeschichte europäischen Kulturerbes (18.-20.Jahrhundert) von Bénédicte Savoy am Collège de France ist er stark verflochten. Im engen Austausch mit bestehenden Projekten der Forschungsachsen Transnationale und –kulturelle Museumsgeschichte | Kunstmarkt und Provenienzforschung wird die Arbeit des Clusters in Formaten des Forschenden Lehrens auch direkt in die Lehre integriert. Von der Einbettung translocations in das etablierte und dynamische deutsch-französische Forschungsumfeld werden bestehende und neue Projekte profitieren.

    Assoziierte Forschungsprogramme

    Dinosaurier in Berlin! Brachiosaurus brancai - eine politische, wissenschaftliche und populäre Ikone

    Betreuung: Bénédicte Savoy, Bearbeitung: Mareike Vennen 

    Dinosaurier in Berlin

     

    Tracing East Asian Art

    Betreuung: Bénédicte Savoy, Bearbeitung: Christine Howald, Partner: Charlotte Guichard (CNRS/Paris)

    Tracing East Asian Art

     

     

    Repertorium zum französischen Kunstmarkt während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. 

    Leitung: Berlin (TU): Bénédicte Savoy, Paris (INHA): Eric de Chassey, Wissenschaftliche Koordination: Berlin (TU): Eyke Vonderau, Paris (INHA): France Nerlich, Projektmitarbeiter*innen: Berlin (TU): Elisabeth Furtwängler, Paris (INHA): N.n.

    Repertorium Französischer Kunstmarkt

    Forum Kunst und Markt / Centre for Art Market Studies

    Gründungsmitglieder: Dr. Dorothee Wimmer, Prof. Dr. Bénédicte Savoy, Dr. Johannes Nathan, Direktorin: Dr. Dorothee Wimmer

    Forum Kunst und Markt

     

    Journal for Art Market Studies

    Das Journal for Art Market Studies ist ein peer-reviewed Open Access Journal für aktuelle internationale Forschungen zu Themenfeldern des Kunstmarktes von seinen Anfängen bis zur Gegenwart. Die Beiträge erscheinen in englischer Sprache.

    JAMS

     

    translocations-Antenne Paris

    Am Collège de France wird Léa Saint-Raymond das Pariser translocations Büro betreuen. Mit ihr werden assoziierte Nachwuchswissenschaftler*innen das Denken des Clusters bereichern. Die translocations-Antenne Paris wird zudem durch das binationale Forschungsvorhaben zum NS-Kunstraub (2017-2019) mit dem INHA gestärkt. Weitere Informationen folgen in Kürze.

    Projektseminare

    Das Leben der Bilder

    Ziel des Seminars war es, nicht nur den eigenen Wissenstand zu erweitern, sondern die Erwerbungsgeschichte der Gemälde in Form kurzer “Art“-Slams an Publikum weiterzutragen.

    Leitung: Prof. Dr. Bénédicte Savoy

    Das Leben der Bilder

     

    Aneignungen von Kunst – Perspektive der Enteigneten